Forschung
Projektleitung
Klimawandelanpassung
Klimaschutz

Förderstelle

Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft - TIKS 2023
Förderbetrag
180.300€
Konsortium
Institute of Building Research & Innovation ZT GmbH (PL)
Gemeinnüzige Wohnungsaktiengesellschaft Wohnpark Alt Erlaa
Universität für Bodenkultur Wien - Institut für Verfahrens- und Energietechnik
Wohnbund:consult eG
Kurze Zusammenfassung
Decarb Alt Erlaa begleitet den Wohnpark Alt Erlaa auf dem Weg zur Klimaneutralität – durch thermische Sanierung, fossilfreie Wärmeversorgung, sozialwissenschaftliche Begleitung, innovative CO₂-Lösungen sowie eine systematische Analyse von Risiken und Umsetzungspotenzialen.
Methodik
Die methodische Herangehensweise unterschied sich je nach Arbeitspaket und inhaltlichem Schwerpunkt:
Im Bereich der bautechnischen Maßnahmen kamen Berechnungen und Simulationen zum Einsatz, um die Effekte verschiedener Einzelmaßnahmen und Maßnahmenpakete der thermischen Sanierung zu quantifizieren.
Die vorgeschlagenen gebäudetechnischen Maßnahmen wurden quantitativ über Berechnungen und qualitativ über nominale Einstufungen bewertet. Die Berechnungen wurden mit Messungen validiert. Auch wurde der Winter 2024/25 bereits für experimentelle Veränderungen der technischen Betriebsparameter der Wärmeversorgung genutzt.
Parallel zu den technischen Bewertungen wurden in der sozialwissenschaftlichen Begleitung Befragungen, Fokusgruppen und Beteiligungsformate durchgeführt, um Akzeptanz, Informationsbedarf und Mitwirkungsbereitschaft zu ermitteln.
Die Machbarkeitsstudie innovativer Verfahren zur Bindung von Kohlendioxid im Betrieb basierte auf einer Kombination aus Literaturrecherche, Pilotprojektdaten und Herstellerangaben. Für jede Technologie wurden Funktionsweise, technische Rahmenbedingungen, ökologische Wirkungen, räumliche Anforderungen und Kosten bewertet. Ergänzend wurden rechtliche Aspekte, Skalierbarkeit auf Quartiersebene sowie soziale Akzeptanz berücksichtigt.
Die Risikoanalyse wurde mit einer „Failure Mode and Effects Analyse“ (FMEA) durchgeführt, um mögliche Schwachstellen systematisch zu identifizieren und bewerten. Auf Basis aktueller Planungsunterlagen wurden Fehlerarten, Ursachen und Auswirkungen erfasst und mittels Risikoprioritätszahl quantifiziert. Die Analyse erfolgte in interdisziplinären Workshops, an denen Vertreter aus den Bereichen Forschung, Planung, Sozialwissenschaft und Eigentümerschaft beteiligt waren.
Ziele
Das Projekt Decarb Alt Erlaa untersucht, wie der Wohnpark Alt Erlaa – eine der größten Wohnsiedlungen Österreichs – in ein klimaneutrales und sozial nachhaltiges Viertel transformiert werden kann. Mit rund 3.000 Wohnungen und einer Gesamtfläche von etwa 340.000 m² bietet der Wohnpark ideale Bedingungen, um skalierbare Lösungen in Richtung Klimaneutralität im Quartiersmaßstab zu entwickeln und zu testen.
Ziel der Sondierung ist es, einen gut abgesicherten Maßnahmenkatalog für die Transformation vorzubereiten. Dazu gehörten: (1) detaillierte Potenzialanalysen zu bautechnischen und gebäudetechnischen Maßnahmen, (2) eine sozialwissenschaftliche Begleitung zur Einbindung der Bewohner:innen in den Transformationsprozess, (3) eine Abschätzung des Potenzials und möglicher Einbindung innovativer Technologien zur Kohlenstoffbindung im Wohnpark und (4) die Durchführung einer Risikoanalyse zu technischen, organisatorischen, finanziellen und rechtlichen Aspekten.
Durch die systematische Bewertung von technischen, ökologischen und sozialen Potenzialen und Risiken schafft das Projekt eine solide Grundlage für informierte Entscheidungen.
Die Ergebnisse der Sondierung werden aktuell im direkt anschließenden Demonstrationsprojekt JUNG Erlaa umgesetzt.
Wohnpark Alt Erlaa

© Eveline Tilley
Ergebnisse
Die Machbarkeitsstudie Decarb Alt Erlaa hat wichtige Erkenntnisse mit hoher Relevanz für das Projektteam, die Wohnungsbesitzer und andere Interessengruppen geliefert. Die systematische Gebäudeanalyse hat gezeigt, dass selbst große, komplexe Wohnanlagen aus den 1970er und 1980er Jahren durch gezielte thermische Maßnahmen erheblich verbessert werden können. Ein vollständiges digitales Gebäudemodell und eine variantenbasierte Bewertung lieferten eine solide Grundlage für die Entscheidungsfindung und zeigten, dass Renovierungen sowohl ökologisch effektiv als auch sozial und architektonisch sensibel sein können.
Ein zentrales methodisches Ergebnis war die Verknüpfung von gebäudetechnischen Modellen mit detaillierten technischen Bewertungen und transparenter Priorisierung von Interventionen. Dieser Ansatz ermöglicht realistische Umsetzungs-Szenarien in enger Abstimmung mit Planern und Immobilienverwaltern und schafft ein Werkzeug, das für zukünftige Projekte angepasst werden kann.
Die technische Potenzialanalyse bestätigte das Vorhandensein lokaler Wärmequellen, insbesondere die effiziente Nutzung von Abwasser und die Eignung von Freiflächen für Erdwärmesonden, was den Übergang zu einem wärmebasierenden System mit Wärmepumpen möglich macht. Die Kombination von thermischer Sanierung mit niedrigeren Heiztemperaturen erhöht die Systemeefizienz weiter. Die Studie kam zu dem Schluss, dass technische und bauliche Maßnahmen am effektivsten sind, wenn sie gemeinsam angewendet werden, wobei die Gebäudehülle für die gesamte Energieeffizienz entscheidend bleibt.
Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse waren ebenfalls wichtig. Maßnahmen entfalten ihre volle Wirkung nur, wenn sie von transparenter Kommunikation und aktiver Beteiligung der Bewohner begleitet werden. Projektentwickelte Engagementformate schufen Vertrauen und Akzeptanz und unterstrichen, dass soziale Nachhaltigkeit eine wesentliche Dimension der Transformation ist.
Die Machbarkeitsstudie von Kohlenstoffsequestrierungsmaßnahmen zeigte, dass die Anreicherung von Bodenhumus in ihrer Wirkung begrenzt ist, während die Pyrolyse von Garten- und Parkabfällen technisch und wirtschaftlich sinnvoll umsetzbar ist. Die CO2-Absorption aus Luftströmen hat großes Potenzial, wird jedoch derzeit durch Energie- und Speicherbeschränkungen eingeschränkt. Die Priorisierung der Pyrolyse mit Wärmerückgewinnung wird die nächste Projektphase leiten.
Insgesamt bieten die Ergebnisse eine solide Grundlage für das nachfolgende Demonstrationsprojekt JUNG Erlaa, in dem technische Innovationen und partizipative Ansätze in größerem Maßstab umgesetzt werden. Die Größe und Komplexität von Alt Erlaa schaffen einzigartige Möglichkeiten für Monitoring, Optimierung von Steuerungsstrategien und Gewährleistung von Komfort, während das Heizsystem dekarbonisiert wird. Die Ergebnisse sind auf andere große Wohnanlagen übertragbar und bieten ein reproduzierbares Modell für klimaneutrales, sozial inklusives urbanes Wohnen, das national und international relevant ist.